Katrin Wilkens

Ich wollte Ärztin werden, seit der zweiten Klasse. Mein Vater grinste immer nur und sagte: „Du wirst mal Schmierfink.“ Mehr nicht. Das war ab der zehnten Klasse der Startschuss zu einem vermaledeiten Lernen für den Medizinertest: Schlauchfiguren, biologisches Grundwissen und p und q-Untersteichungen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit. Ich habe sogar ein Seminar „Mediziner-Test leicht gemacht für jedermann“ gebucht, 800 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Mein Vater grinste, gab mir einen Zuschuss für das Seminar und sagt: „Hier – Schmierfink.“

Nach dem Test fragte der Seminarleiter, was uns an Medizin so reizen würde. Mein Tischnachbar antwortete so prompt wie Nasenbluten: „Der Knochenbau ist eigentlich das, was ich am faszinierendsten finde, und wie die einzelnen Faszien zueinander und miteinander agieren ist schon beeindruckend.“ Schleimer! Die anderen Antworten waren ähnlich: mal interessierte das Nervensystem, mal das Organwechselspiel bei einem Herzversagen.

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Mein Herz versagte auch, bei gleichzeitigem Nasenbluten und Faszien-Zusammenbruch. Für mich war das immer nur halb so spannend wie die Frage, warum Herr Meier ausgerechnet jetzt, zwei Wochen nach der Pensionierung einen Schlaganfall bekommen hat, jetzt, wo alles vorbei ist. Oder warum gibt es Udo-Lindenberg-Menschen – versoffen, alt, fit – und Prince-Typen – versoffen, jung, verstorben.

Das erste Mal in meinem Leben ahnte ich, dass das mit der Medizin nichts war. Das Testergebnis gab mir den Rest. Und mein Vater war vornehm genug, jeglichen Siehste-Kommentar zu vermeiden.
Es dauerte 14 Praktika lang, bis ich glauben konnte, was mein Umfeld schon wusste: dass ich eine gute Geschichten-Sammlerin bin, dass mir der Witz in Situationen genauso auffällt wie die Tragik – und das meistens im gleichen Augenblick.
Aber es waren nicht meine Eltern, nicht meine Geschwister, nicht meine Lehrer, die mich dazu brachten, erst Rhetorik zu studieren und dann ein Volontariat zu machen. Es waren immer Außenstehende, die mich nicht kannten und keine Geschichte mit mir teilten. Leute, denen es im Grunde egal sein konnte, was ich machte. Von denen musste ich mich nicht freischwimmen oder beweisen, denen konnte ich abnehmen, wenn sie sagten: darin bist du wirklich gut.

Ich habe über die Kusstechniken von Dieter Thomas Heck geschrieben und mich von Dieter Bohlen beschimpfen lassen, ich habe die Markteinführung der ersten schwarzen Damenbinde begleitet und habe mich in Japan verloren gehen lassen – alles nicht, was mein Vater unter „meine Tochter ist Journalistin“ verstanden hat, aber es war mein Weg, der ein bisschen holprig anfing und immer asphaltierter wurde. Inzwischen ist es eine breite Autobahn, mit ganz vielen Ausfahrtmöglichkeiten. Eine davon heißt: Job-Profilerin mit eigener Agentur.
Übrigens: das mit der Medizin hab ich am Ende doch noch irgendwie hingekriegt: ich hab einfach einen Arzt geheiratet. NACH OBEN

Sebastian Schlösser

Am Anfang stand die berühmte Frage: Sein oder Nichtsein?
Als Regisseur ging es schnell bergauf. Ich liebte es zu inszenieren, in ein Stück einzutauchen, den richtigen Schauspieler zur richtigen Rolle zu finden. Ich bekam für meine Arbeit Lob und Preis – und den Burnout gratis dazu. Mein größtes Problem am Theater war die Zeit außerhalb des Theaters: das Runterkommen, das Umschalten auf den Familienmodus, in dem es weder um Besetzungskompetenz oder Visionen geht, sondern plötzlich darum, Kinder zu trösten ("Der Max hat gerade Petze zu mir gesagt!“) oder den nächsten Geburtstag vorzubereiten.

Ich zog schließlich die Reißleine. Meine Familie ist mir heilig. Ich suchte eine Tätigkeit, die meine Gaben – das Erkennen, Besetzten und Inszenieren – nicht vernachlässigt. Ich wollte weiterhin Regisseur sein – nur weniger auf Reisen. Ich wollte weiterhin kreativ arbeiten, nur geregelter.

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Die Arbeit des Mediators ist genau das: Auch hier geht es um das "Lesen" von Menschen, um das Besondere in jedem Einzelnen (nie geht es um das Verbiegen, Bevormunden, Unterjochen) und um eine Atmosphäre, die mehrere Menschen auf einer Bühne zusammenbringt – und dabei jeden Einzelnen von ihnen wirken lässt. Schauspielerei hat oft mehr mit Sein-lassen als mit Anderssein zu tun.

Nebenbei arbeite ich als Autor. Dort kann ich meine Fantasie freilassen. Hier kann ich alles ausprobieren, was möglich sein könnte – ohne äußere Zwänge. Manchmal ist das auch bei meiner Arbeit als Job-Profiler hilfreich: Muss jeder Arzt, der seinen Beruf wechseln will, einen akademischen Zweitberuf bekommen? Gibt es nicht auch welche, die mit einem Handwerk viel erfüllter wären? Darf nicht auch eine Hebamme Bestatterin werden? Zugegeben: Oft spielen wir mit den vorhandenen Ressourcen, aber manchmal, wenn wir den Auftrag dazu bekommen, besetzen wir eben auch gegenein bestehendes Image.

Für meine Kinder sind meine vielen, unterschiedlichen Berufe ein Segen. Nicht nur, weil genug Zeit für sie übrig bleibt, sondern weil sie früh lernen: einen Beruf, den man mit 18 Jahren begonnen hat, muss einem nicht lebenslang auf der Stirn kleben. Wenn sich die Umstände ändern, darf man auch sich selbst ändern. Das gibt ihnen die Freiheit auszuprobieren. Und das finde ich eine ziemlich gute Schule – fürs Leben.

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